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Funktionsoptimierung des Mannes, in Zeiten moderner Apparatemedizin

Vorgestern oder so, man weiß es schon gar nicht mehr...

Ich war immer Atheist. Bis ich erkannte: Ich bin Gott!

Nachdem Peter drei Monaten an einer Ringelflechte litt und eine Behandlung mit Engelwasser sein Energieniveau nicht entscheidend hatte anheben können, beschloss er, mit dem 21 tägigen Lichtnahrungsprozess zu beginnen. Aus rein wirtschaftlicher Sicht konnte ich seine Entscheidung nur begrüßen.

„Sag nichts,“ sagt Peter, „ich bin jetzt bereit für eine neue Stufe.“
Wir diskutieren also inhaltlich.
Ob es in den ersten 7 Tagen, in denen weder gesessen, noch getrunken werden darf, gestattet sei, seinen eigenen Speichel zu schlucken. Peter möchte kein Risiko eingehen und am Ende, wegen so einer Lappalie, die Erleuchtung zu verpassen.
„Ich werde meinen Speichel ausspucken. Ich bin bereit dafür.“ Stolz schwenkt er dabei einen kleinen Plastikeimer. Ob er gedenke, das Schlafen einzustellen, oder ob er sich nächtens von fachkundigen Mitstreitern absaugen lassen wolle, erkundige ich mich ratlos und blättere dabei in einem Reiseprospekt.
Peter winkt ab und nippt an einem frischen Glas Engelwasser. „So wie jetzt gerade Lebensenergie über das Kronenchakra in mich hineinströmt, weil ich bereit bin, für diese Erfahrung, werde ich mich von der Abhängigkeit, die den Körper belastende, feste Nahrung zu mir nehmen zu müssen, frei machen. Ich befreie mich von der Sucht essen zu müssen und ich befreie mich von dem Zwang schlucken zu müssen. Ich bin nicht länger die willfährige Geisel eines suboptimal ausgestatteten und dem Verfall preisgegebenen Körpers.“ Peter verfällt beim Reden in eine leichte Schnappatmung und in seinen Mundwinkeln sammeln sich weiße Speichelreste.
Ich rufe beim Reisebüro an und buche, aus Sorge eine Sputumphobie zu entwickeln, eine 21 tägige Schlemmerreise durch die Toskana.

Nachts weckt Peter mich mit: „ich bin bereit, ich bin bereit“ – Rufen.

Peter wird seinen Weg nicht alleine gehen. Er ziehe für diese Reise die Gemeinschaft Gleichgesinnter vor. „Viele fühlen sich berufen, aber nur sehr wenige sind auserwählt,“ Peter zwinkert mir verschwörerisch zu und kratzt mit schnarrendem Ton den Schorf von seiner linken Wange. „Während dieses Retreats werden wir das Prana bündeln können. Ich werde heute Nachmittag mit Lakshmi telefonieren, die kann mir genaueres dazu sagen.“ Ich erkundige mich durchaus nicht uninteressiert, nach Lakshmi. Aber Peter winkt ab, „na du weißt schon, Lakshmi, die früher Sandra hieß. Lakshmi hat das Retreat organisiert und ich habe ihr angeboten sie bar zu bezahlen.“
Die Gemeinschaft Gleichgesinnter kostet, nicht ungewöhnlich, so viel wie meine Schlemmerreise und dabei werde ich nicht im Schlafsaal übernachten.
„Man muss auch bereit sein, finanziell dafür ein zu Zeichen setzen, dass man gewillt ist, sich von allem loszusagen. Der Ballast des materiellen Besitzes muss weg. Weg, weg. Weg.“
Ich würde Peter gerne von der Abhängigkeit atmen zu müssen befreien, oder wenigstens von der, mit mir zu sprechen.
„Lakshmi, die früher Sandra war, hält Kontakt mit hohen weiblichen Geistwesen, wie zum Beispiel der Mutter Maria.“
Peter schüttelt sein Haar, dass er seit einiger Zeit wachsen lässt und nur noch mit Shampoo aus dem Bioladen wäscht, was seiner Kopfhaut nicht zu bekommen scheint. Ich sehe einem Schuppenregen bei seiner Landung, auf dem Sofa zu.
„Wie? Kontakt? Spricht Maria persönlich mit ihr?“ Peter brummt leise und sicher fragt er sich wieder, was er hier noch soll, wo er doch jetzt bereit ist. Aber ich bin seine Prüfung. Die letzte Jalousie zwischen ihm und dem Licht.
„Natürlich nicht. Sie empfängt in Séancne gechannelte Botschaften. Von Maria und von den aufsteigenden Meistern, nur so zum Beispiel.“
Lakshmi, die früher Sandra war, ist aufgrund ihrer ganzen Erscheinung wie geschaffen, für diese Branche. Ihr dunkles, mittelgescheiteltes Haar reicht bis weit über die Hüfte und hat mich immer an eine Statue von Donatello erinnert. Maria Magdalena, als Sünderin. Auch wenn Lakshmi, die früher Sandra war, etwas mehr Zähne im Mund hat und die Augen insgesamt weniger eingefallen wirken, aber das kommt noch, Verfall, hoffe ich.
„Hohe, weibliche Geistwesen,“ flüstere ich und nun bin ich es, die in eine leichte Schnappatmung verfällt. Ich werde mir Maria Magdalena in Florenz ansehen. Zur lieben Erinnerung klebe ich mir einen Zettel in meinen Schlemmerreiseführer, den ich heimlich küsse.

Peter packt seine helle, leichte Leinenkleidung und die Wollsocken, die er in den letzten Wochen selbst gestrickt hat, in einen Baumwollbeutel. „Ich brauch ja nichts mehr.“ Ich meine einen neuen, schön verhärmten Zug um seinen Mund erkennen zu können, halte den aber für verfrüht und schiebe es auf die ungünstigen Lichtverhältnisse.

„Heute Nacht ist mir das Reserl aus Konnersreuth erschienen,“ berichtet Peter aufgeregt am Morgen vor seiner Abreise. „Sie hat aus ihren Stigmata geblutet, das kannst du dir nicht vorstellen, das sprudelte nur so aus den Augen. Erst hat sie sich in aramäisch an mich gewandt. Hat aber schnell gemerkt, die gute Magd, dass ich sie nicht verstehe und ist für mich ins Deutsche gewechselt. Da war ihr Dialekt auch ein wenig gewöhnungsbedürftig, man muss sich halt erst einhören. Aber ich bin jetzt bereit für Botschaften, hab ich gemerkt.
Peterle hat sie gesagt - Peterle, wie meine Mutter - jetzt bist du bereit. Dein Ausschlag ist ein Zeichen, sei froh, dass du nicht so viel bluten musst wie ich. Du bist jetzt bereit. Ich glaube, sie hat es noch drei, vier mal gesagt, wollte halt sicher sein, dass ich sie verstehe und dann hab ich zum Zeichen genickt und wie die Taucher so ein OK Zeichen gemacht, ich wusste ja nicht, ob sie nur noch aramäisch versteht.
Weißt du ja, dass du bereit bist, Peterle, ich seh das schon. Und da hab ich ihre blutigen Hände geküsst und danke Mama gesagt, verstehst du, danke Mama...“ Und dabei hat er die Augen weit aufgerissen und selber genickt und ich habe mitgenickt, weil ich ein bisschen Angst hatte, mit seinen Augen könnte was passieren, weil er die ja vielleicht jetzt bald auch nicht mehr braucht. Das Peterle hat geweint vor Rührung über den eigenen Traum, war aber kein Blut mit dabei. Für einen Moment hatte ich mich doch genau davor gefürchtet.

Ob ich noch einmal an einer sexuellen Vereinigung interessiert sei, hat Peter mich ein paar Stunden vor der Abreise gefragt. Ich solle gut nachdenken, es könne das letzte Mal sein. Er wisse nicht, ob er nach dem Durchschreiten des Lichtprozesses daran noch interessiert sei. Ich lehnte mit dem Hinweis, ihm so kurz vor knapp keine Körperflüssigkeiten entziehen zu wollen, die er evtl. anderweitig dringender benötigen würde, dankend ab.

Gajanan, der früher einmal Peter war, kehrte am 22. Tag zu mir zurück. Verändert kann man sagen. Nicht nur äußerlich, eine Tendenz zu gräulichem Teint war schon immer vorhanden. Der Ausschlag auf Hals und Wangen gab ihm geradezu etwas Frisches, Lebendiges. Irgendwo schien da noch Blut zu sein, auch wenn man nicht genau wusste wo und in welcher Form.

Seit jeher unter einer starken Körperbehaarung leidend, wurde sein ausgezehrter Körper nun zusätzlich von einem hellen, wolligen Pelz überzogen. Lanugobehaarung. Das Fell der Frühchen und Magersüchtigen. Eine kleine Weile machte es Freude ihn anzufassen, weil er so kuschlig war. In einer besonders heiteren Stunde, als er sogar vergaß, seinen eigenen Speichel unablässig in eine Kindersandeimerchen zu spucken, schlug ich ihm vor, sich in Lagnugo umzubenennen. Dieser geradezu absurde Gedanke brachte ihn derart in Rage, dass er am Ende freiwillig ein Glas Engelwasser zu sich nahm. Proportional zum explosionsartigen Wachstum des Restpelzes begann er seine Kopfbehaarung zu verlieren, worunter seine gesamte äußere Erscheinung allmählich ein wenig litt.
An einem Mittwoch, als er mir, wie jeden Morgen, eine kleine Predigt hielt, musste ich ihn, was ich sonst nicht tue, unterbrechen. „Peterle,“ sagte ich und ich sah die Qual in seinen Augen, für lauten Protest reichte aber die Kraft einfach nicht.
„Na Peterle, lieb sein, was würde die Mama sagen ... da wackelt was.“ Und mit spitz gestrecktem Finger zeigte ich auf seinen oberen Schneidezahn, der einem Lämmerschwänzchen gleich, im stark geröteten Zahnfleisch baumelte und dann fiel. Ich bat ihn, ab sofort für mich auf Band zu sprechen und versprach ihm, gerne jeden Morgen seinen Worten zu lauschen.
Da mir der Anblick seines leichig eingefallenen Mundes auch sonst und nicht nur am frühen Morgen zunehmend unangenehm wurde, bat ich ihn, wenn es denn dringend erforderlich sein sollte mich direkt anzusprechen, dabei das Gesicht zu Boden zu wenden oder sich eine Hand vor den Mund zu halten oder beides.
Durch den dauerhaften Prana Abusus begann seine Verdauung nachhaltig zu leiden und sein Atem erweckte den Eindruck, dass er nunmehr ins Stadium der Selbstverdauung eingetreten sein könnte. Ich schenkte ihm einige Atemschutzmasken, behielt aber auch ein paar für mich zurück.
Sein körperlicher Zustand kann nunmehr als schlabbrig bezeichnet werden. Wenn es ihm gelingt, was er selten tut, weil er ein wenig haushalten muss mit seinen Kräften, den Arm zu heben, dann hängt, was daran übrig ist, in langen, schaukelnden Bahnen daran herunter. Es könnte Haut sein, ist aber unter dem neuerlich und verstärkt aufgetretenen Ausschlag, dessen Schuppen den Pelz verkleben, schwer auszumachen.
Sandra, die früher Lakshmi hieß, geht morgen mit mir auf Reisen. Eine Woche Bordeaux für Weinliebhaber. Ich habe Peter gebeten, sich bis zu meiner Rückkehr einen Heimplatz zu suchen.

FrauJulie am 02.06.2006 | märchen

Kommentare:

Ich weiß nicht, warum ich da so brav einen Ort eintrage, aber egal:
Sie haben meinen Tag gerettet.

# | sopran am 02.Juni 2006 19:38 Uhr

hervorragend.

# | FrauJulie am 03.Juni 2006 10:44 Uhr

Schön geschrieben. Besonders der Part mit der Körperbehaarung gefällt mir. Auch die Namen sind originell gewählt: Göttin der Schönheit etc.
Na und die Erzählerin muss ja überheblich klingen - sie ist ja Gott.

Schöne Pfingsten, grüßen Sie Mann und Kinder. Ich hoffe es gibt genug zu essen ;-)

# | Ebola am 03.Juni 2006 16:48 Uhr

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