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Bis heute Nachmittag, es mag so gegen 16.00h gewesen sein, ein Buch gelesen, das auf seinen 1200 Seiten hin und wieder so schön traurig war, dass ich ein wenig weinen musste. In dem Buch, das nun vor mir liegt, wird just in diesem Moment, ein Mann kreuzweise aufgeschlitzt. Man weiß nicht, was besser ist.
Reparatur einer Schrankschublade, die seit dem Kauf des Schrankes, evtl. 1996, kann aber auch etwas früher, vielleicht auch später gewesen sein, nicht einen Tag intakt war. In Ermangelung von Schraubzwingen, mit Klebeband und zentnerschweren Blumenkübeln improvisiert, um den nötigen Druck aufzubauen. Derart schon die halbe Wohnungseinrichtung erfolgreich wieder zusammengeklebt. Man klebt ja viel zu wenig. Dieser Tage auch eine sehr schöne Patex Erfahrung machen dürfen. Riecht noch so gut wie vor 20 Jahren und das auch tagelang. Notfalls ist gipsen auch recht nett. Haken in Decken zum Beispiel. Der Gips hat eine Tragkraft von einer Tonne, oder so ähnlich. D.h. hinge ich mich an den Haken, würde er mich fast spielerisch tragen können, nur der Rest der Decke käme herunter, aber das ließe sich ja wieder gipsen und kleben. Herrlich.
Heute Nacht kamen die Mücken, was zu erwarten war, früher oder später. Aufgrund einer nahezu panischen Angst, im Schlaf könnten Insekten insbesondere Spinnentiere, die alten Gliederfüßer, die, wie wir alle wissen, zum Unterstamm der Kieferklauenträger und Überstamm der Häutungstiere gehören, über mich hinweg spazieren, bin ich, gleich welche Raumtemperatur herrschen mag, immer gut bedeckt, außer im Gesicht, was ein Fehler war. Vielleicht werde ich das ändern. Aber ich bin ja so unflexibel.
Man kann sich nicht den ganzen Tag Nachbarn in Unterwäsche ansehen, oder müsste doch hin und wieder den Raum wechseln bzw. den Balkon verlassen, um alle angrenzen Häuser in Augenschein nehmen zu können und damit ein wenig Abwechslung in die Lingeriemodelle bringen, die angeboten werden. Da sitzt man dann und hat zum Beispiel ein schweres Buch auf den Oberschenkeln liegen, was den Oberschenkeln egal ist, weil schwer sind sie selber und dabei auch ganz blau, was dem manövrieren des 60 Kilo Schrankes geschuldet ist. Denkt an Begriffe wie: „Superbevormunder“, welches ich kürzlich in einem Film kennen lernen durfte (ich schrieb es mir auf, um es nicht wieder zu vergessen). Dann kann man übers Warten nachdenken. Das Leben und das Warten. Brüderchen und Schwesterchen. Wie viel man wartet und auf was, nicht nur an Bushaltestellen. Ob täglich oder doch nur einmal die Woche. Ich würde mich, nach reiflicher Überlegung, die Wolken kam und gingen dabei hin und her, schlossen sich und rissen wieder auf (dabei das Nachdenken für eine Gedenkminute über vorzeitige Hautalterung wegen exzessiven Sonnenbadens unterbrochen und Sonnencreme mit LSF 40, zäh wie Windelcreme nachgelegt, was einen wunderschönen, vampirartigen Fettteint verleiht und dank wasserfester Rezeptur auch nicht mehr abzuwaschen ist), als Viel- oder auch Mehrfachwarterin bezeichnen. Darüber befiel mich eine eigenartige Traurigkeit, die auch nach drei Kugeln Eis mit Sahne nicht verschwinden wollte. Und dabei klang gerade heute mein Tageshoroskop so viel versprechend.
recherchen, ohne rücksicht auf mein körperliches und / oder seelisches wohlergehen haben ergeben: die herren von gegenüber tragen überwiegend schwarz bzw. weiß, es gibt einen türkisfarbenen ausrutscher, das aber in der jeder hinsicht. bevorzugt werden eng anliegende modelle, nur die türkisfarbene variante gewährt mehr bein- und auch sonstige freiheit. der anteil nackter oberkörper verteilt sich relativ homogen über beide geschlechter. je weniger kleidung am körper, desto häufigere hält man sich im freien bzw. am geöffneten fenster auf.
dieser tage kann man ca. 85% der nachbarschaft nackt, oder (wenigstens und immerhin) mit unterwäsche bekleidet sehen. das muss nicht immer ein vorteil sein.
In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, wie sehr ich mich über die momentanen Temperaturen und das damit irgendwie in Wechselbeziehung stehende Wetter freue, auch wenn mich das, zu einem eher einsamen Menschen macht. Was der Freude aber nicht im Mindesten schadet.
Fast ist es mir ein wenig unangenehm, aber ich muss ein ums andere mal lachen, wenn ich in den Sonnenschein hinaus trete und die Hitze mir einen Schlag versetzt oder auch gerne, wie eine Wand entgegen tritt.
Menschen, für die bei 25° das Ende aller Lebensfreude erreicht ist, sprechen seit Wochen nicht mehr mit mir: Zurufen möchte ich ihnen: da geht’s erst richtig los. Erst ab diesen Temperaturen, trage ich keine langen Unterhosen mehr.
So erhalte ich dieser Tage, wenn überhaupt, erboste Emails, in denen mir grundsätzlich untersagt wird, in Antworten eine Lobeshymne auf die Hitze zu verfassen. Ganze Oden würde ich dichten, wenn ich Dichter wäre. Wenn die Hymne mir nahe Stünde, sommerliche Wärme, wäre ein Grund, ganze Bände damit zu füllen.
Für einen schwer bis gar nicht in Euphorie und Begeisterung zu versetzenden Menschen (wie mich) bedeutet diese Witterung: Feiertag, Paradies auf Erden, Glückseligkeit, Verzückung, ach undsoweiter, niemals mehr soll es enden, jeder vertrocknete Grashalm macht mich lachen.
Das Einzige, was mir die Freude verderben könnte, wären Gedanken daran, dass es irgendwann einmal vorbei sein wird. Aber nicht jetzt. Nicht hier. Noch nicht heute. Sollte es zu ende gehen, ich werde umgehend die renovierte Küche verlassen,eine Sauna beziehen und erst wieder verlassen, wenn die Temperaturen erneut im 30° Bereich angekommen sind.
Der Mensch im mittleren Lebensalter muss ja nicht viel sein, nur flexibel wäre gut. Unflexibles Mittelalter, ganz schnell weg. Der Gedanke macht mich richtig gehend frösteln und ich würde vor Abscheu über meiner Tastatur erbrechen, wenn die Reinigung nicht so aufwändig wäre. Wahrscheinlich werden ihnen dazu nicht allzu viele Lösungen einfallen, wenn sie zu den unflexiblen gehören und sich weg machen müssen, nehmen sie die erst beste, auch wenn ich kürzlich lesen musste, dass man auf öffentlichen Toiletten nie die erste aufsucht, was ich seit dem ich im Besitz dieser wertvollen Information bin, selbstverständlich immer tue. Gerade heute wieder. Und ich weiß nun, warum ich es nicht mehr tun werde.
Sei es darum, der Plan war und es ist nie gut einen Plan zu haben. Sei formbar und beweglich bis ins hohe Alter, mein liebes Schätzchen, sollte ich mir in solchen Fällen laut und mehrfach zurufen. Ich werde mir ganze Bänder besprechen, alle Anrufbeantworter monothematisch besingen und mir Haftnotizen ins Gesicht kleben. Der Plan war also, und er war kühn, meine Güte, selten fasste ich kühneres ins Auge, ich möchte mir gerade heute einen Gewissen Zug von Verwegenheit unterstellen, geradezu einfältig und lächerlich vermessen, verrückt geradezu und seien sie versichert, ich tätschel mir nahezu liebevoll gerade jetzt in diesem Augenblick beide Wangen. Zwei Schränke sollten es sein, weiß, mit nix, 85 x 60 x 60 cm. Eine gute Stunde war, Teil des Planes, dafür veranschlagt und Menschen, denen heute am späten Nachmittag stammelnd davon berichtet wurde, lachten laut und herzlich. Dem Plan wurde ein Schnippchen geschlagen. 6 Stunden später wankte man mit einem Schrank, weiß zwar immerhin, mit den Maßen 233 x 58 x 50 cm, Gewicht ohne Einlegeböden 60 Kilo, in Richtung Transportmittel, wo alles fast leicht einen Platz fand. Der Schrank hat fast keine Macken. Es ist ein Glück, dass das Ganze nur in den vierten Stock im Vorderhaus musste. Bei gleicher Lage im Hinterhaus, hätte der Träger geweint, wenn er noch gekonnt hätte. So gut wie zusammengebaut liegt er, original verpackt, überall herum. Es wird toll. Und er passt fast genau in die Ecke, wo sein kleiner Bruder oder die kleine Schwester, die kennen zulernen mit nicht vergönnt war, einen Platz finden sollte.
Im Mittelalter erholt man sich nicht mehr so leicht.
Beim Ausrichten der Hängeschränke, immer an den falschen Stellen angefasst, dabei Ergebnisoffen bis –los, über die Begriffe oszillieren und Hängebrüste nachgedacht.
Von Hochschränken mit Einlegeböden geträumt, die nicht in die dafür vorgesehenen Ecken passen. Außerdem von Phil Collins, der wieder und immer wieder „ Another Day in Paradise“ sang, solange bis er mit einer Acryl-Lack-Walze erschlagen, und in einer Wanne, mit wischfester mattrosa Fassadenfarbe, ertränk wurde. Die Farbe härtet noch aus.
Die Masse bin in diesem Fall ich, als Summe meiner Eigenschaften o.s.ä.
Der Satz lautet: „Wir wollten doch zusammen die Küche renovieren.“
Die Frage, die sich unmittelbar anschließt, wer genau sind „wir“?
Wir sind die anderen, ich kenne sie nur noch nicht.
Während wir-wollten-doch-zusammen-die-küche-renovieren mit 100 Metern Auslegefolie ringt, gehe ich Sachen suchen.
Nicht hier, sondern anderswo.
Vielleicht ein Abschied für sehr lange Zeit.
Man schlendert förmlich, obwohl schwer an der Marmelade zu tragen ist, dem bereitgestellten Transportmittel entgegen. Es ist möglich loses Schuhwerk zu tragen, da man nicht in der Lage sein muss, kurze Sprints einzulegen, um damit kleine Menschen vom mutigen Sprung ins Gleisbett abzuhalten
Dann sitzt man so rum.
Stundenlang.
Einfach so.
Lässt sich von der Klimaanlage, die geschwollenen Füße kühlen.
Liest eine Zeitung von Anfang bis Ende.
Hört 39 Musiktitel ohne Unterbrechung und während dessen, sitzt man ab Nürnberg plötzlich in Fahrtrichtung, da ist es gut, wenn man eine Sonnenbrille zur Hand hat.
Gleisverwerfungen wegen großer Hitze. Wir bummeln durch grüne deutsche Wälder. Ich weiß nicht, ob der Lokführer weiß, dass wir mit verminderter Geschwindigkeit fahren, ich weiß nicht einmal, ob die Menschen heute noch Lokomotivführer heißen? Evtl. ist ein ganzer Kinderberufswunschstand, von mir unbemerkt, ausgestorben.
Möglicher Titel eines Nachrufes: Eine Verwerfung warf sie aus der Bahn.
Austausch von drei Gläsern Marmelade (5 Beerenmarmelade + Felsenbirne, Erdbeermarmelade, Spanische Pflaumenmarmelade) gegen Kind I und Kind II, verlief weitgehend reibungslos. Es war leider nötig, allen anwesenden Teilen der befreundeten Verwandtschaft, einen längeren medizinischen Fachvortrag über Hautpflege und Notfallmaßnahmen bei eiternden Geschwüren, Verabreichung und Darreichungsformen von Augentropfen, div. Antihistaminika, den Umgang mit Brillen, Ernährungsplänen, sowie Aufzucht und Hege ganz allgemein zu halten. Mir macht so was ja auch keine Freude.
Zwischendurch, aber die Quellen sind wenig glaubhaft, soll ich immer wieder gerufen haben: „Bleibt mit der Sonnencreme von den Augen weg, die Pässe, habt ihr die Pässe und die Versichertenkarten...“ (insgesamt lächerlich, wenn es denn so gewesen wäre, wenn, dann nur, weil mein Nachtschlaf empfindlich durch Umherschleichende gestört worden ist, hin und wieder klopfte es auch an meine Türe, war aber keiner da, der Flur lag dunkel und verlassen im fahlen Licht der Straßenlaternen...).
Nach 4,5 Stunden trug man mich zum Auto und transportierte mich im Kofferraum zu einem Biergarten, der gar kein "richtiger" Biergarten war, aber mit mir kann man’s ja machen. Freunde.
Unschön, wenn größere Flugtiere in genau dem kurzen Moment verschwinden, wenn man ein Glas zu ihrer Lebenderjagung aus dem Schrank holen gehen muss.
Natürlich kein mutiger Jäger in der Nähe. Selten genug braucht man sie wirklich.
Aber das Warten hat sich gelohnt.
Die Hornisse sitzt hinter Glas.
Alleine es ist mir unmöglich, Glas und Tier zu bergen.
Eine gute Viertelstunde davorgesessen, dann den nahezu geordneten Rückzug angetreten.
Sollte ein Sammler unter ihnen sein, kommen sie vorbei, nehmen sie das Ding mit.
Und machen sie schnell.
Bis dahin ist Schlafen evtl. nicht möglich und ich sah vor 2 Stunden schon so erschreckend alt aus.
Irgendwo auf der Strecke Berlin-München. Der Tag begann früh, so gegen fünf.
Es gibt im wesentlichen drei Sorten von Reisenden: Geschäftsmänner und solche, die sich dafür halten, mit Laptop, bekloppte Zwei-Kind-Mütter, schlecht gelaunte Kinder zwischen 3 Monaten und 8 Jahren, einige versprengte, hilflose Rentner (die auf Sitzplätze beharren, sich aber im falschen Wagen, wenn es ganz besonders gut läuft, sogar im Falschen Zugteil befinden, Panikausbrüche, herrlich, man kennt das ja), die sehr schnell merken, dass sie hier nichts zu suchen haben.
Kind I und Kind II sind müde und dabei aber auch gelangweilt. Es liegen 5 weitere Stunden Fahrt vor uns. Mindestens. Zurzeit stehen wir irgendwo rum, die Strecke vor uns sei nicht frei, man dankt für unsere Geduld, die Kind II sicher nicht hat.
Der Herr hinter mir leidet unter einer starken, motorischen Unruhe. Steht auf, wechselt den Platz, holt Kaffee, setzt sich, liest, macht den Computer an und aus, steht wieder auf, holt seine Tasche aus dem Gepäckfach, öffnet sie, schließt sie, steht wieder auf. Es ist nicht in Erfahrung zu bringen, wie lange er noch mitfahren wird, ich vermute bis zum Endbahnhof.
Der Proviant von Kind I und Kind II ist jetzt schon bedenklich zusammengeschmolzen, aber was soll man auch machen, außer essen.
Wie junge Hunde balgen sich zwei Herren um den Tischplatz vor mir bzw. wer welchen Platz am Tisch für seinen Computer plus Maus plus mehrere Meter Kabel bekommt. Nach 20 Minuten sitzt man dann endlich friedlich nebeneinander und kommt ins Plaudern. Der Herr links, angerautes, mittellanges, volles Haar, versuchsweise nach hinten gekämmt, erzählt seinem Sitznachbarn, warum er hier mit einem uralt Apple im Zug sitz und warum er vor ca. 50 Jahren gleich drei zum Preis eines Mittelklassewagens gekauft hat, die heute bei Ebay nur noch 11,-- € wert sind, habe leider verpasst, ob alle drei zusammen oder jeder für sich. Es folgt ein detaillierter Vortrag über die Entwicklungsgeschichte des Apple als solchem und div. Streitigkeiten mit Microsoft im Speziellen. Ich kann nicht erkennen, ob der Herr vor mir schon eingeschlafen ist.
Locke staucht via Mobiltelefon einen Mitarbeiter zusammen, der nicht Punkt 8.30h im Büro erschienen ist, dann folgen detaillierte Arbeitsanweisungen, die sofort abzuarbeiten sind.
Die Stimmung erreicht einen weiteren Höhepunkt (und ich bin frohen Mutes, dass noch viele weitere folgen werden), als ein dynamischer Servicemitarbeiter Kaffe am Platz verkauft und die Kindlein, mehrere Kilo Sesam-Bio-Brezeln im Mund, sich benachteiligt und vernachlässigt fühlen. Kind II möchte wahlweise tot sein, sofort aussteigen, nicht mehr mein Kind sein und wirft mir des weiteren Lieblosigkeit vor. Ich fordere sie auf, sich hinzusetzen und ab sofort und für sehr lange Zeit zu schweigen.
Es ist als weise zu bezeichnen, mit Kindern alleine, stundenlange Zugfahrten zu unternehmen. Ich beglückwünsche mich in den folgenden 75 Minuten ununterbrochen zu meiner Entscheidung. Die daraus resultierende Endorphinausschüttung ist zu hoch für meinen untrainierten Körper, das linke Auge zuckt unkontrolliert.
Die Herren vor und hinter mir werden, nach einer kurzen Ruhephase, wieder unruhig.
Erste Kinder klagen über Übelkeit und legen sich auf Sitze, Bänke und den Gang. Kind I und Kind II überlegen noch, bin aber hoffnungsfroh. Eine gesellige Kotzerei hat man sich noch nie entgehen lassen. Ich erinnere mich an dieser Stelle sehr gerne an eine Fahrt von Sylt nach Berlin, die Kind I und Kind II schlafend in einem Abteil verbrachten, da sie bis fünf Minuten vor der Abreise kotzend in irgendwelchen Toiletten zubrachten. Die anschließende Gabe von Vomex A ging bis an die Grenzen des medizinisch vertretbaren und sedierte Kind I und Kind II für gut 7 Stunden. Gekotzt wurde erst wieder unmittelbar nach Überschreiten der heimischen Türschwelle, dann aber auch direkt in den Wohnungsflur.
Tasche runter, Tasche hoch, Jacke an, Jacke aus, schlimmer als jedes Kind. Der Applehistoriker versucht vergeblich sein widerspenstiges Haar zu bändigen und verteilt es dabei großzügig auch auf die hinteren Reihen. Dann telefoniert er wieder mit Paul. Paul muss sich Meetingtermine bestätigen lassen und Rundmails korrigieren. Paul scheint nicht der Schnellste zu sein. Paul tut mir leid. Scheiß Tag Paul, vielleicht insgesamt ein scheiß Leben. Zu spät und zu langsam.
Warum fährt die Frau nach München werden sie sich vielleicht fragen.
Das ganze ist Teil eines großen, perfiden und von mir ungemein ausgeklügelten, Kinderübergabeplanes, für den ich u.A. auf ein Konzert in Hamburg verzichte, aber dies nur als Information am Rande (wenn der Idiot vor mir noch einmal aufsteht, dann trete ich ihm in die Kniekehlen). Kind I und Kind II fliegen mit Teilen der befreundeten Verwandtschaft in kürze in die Sommerfrische, um dies möglich zu machen, müssen alle Teilnehmer zusammengeführt werden. Ich erinnere mich, großspurig behauptet zu haben, dass mir weite Fahrten überhaupt nichts ausmachen, im Gegenteil, ich glaube mich erinnern zu können, dass die Vokabel „gerne“ fiel. Gerne, gerne ist irgendwie nichts. Wertlos. Das macht nichts. Nichts macht mehr irgendwas. Er steht wieder auf. Er tut es. Dank einer massiven aggressiven Hemmung trete ich nicht. Hat er ganz schön Glück gehabt. Aber auch meine Geduld währt nicht ewig mein Lieber.
Ahhhh, wenn sich in unserem Zugteil ein Arzt befindet soll er mal rasch in den Wagen 32 kommen. Eine wahre Völkerwanderung bewegt sich in die entsprechende Richtung. Beruhigend.
Kontrollanruf bei Paul. „Na! Und! Wie läuft’s? Mhm. Scheiße. Ok. Echt? Sonst war nix? Na ja, passt dann schon. Ich rufe später wieder an.“ Vielleicht weint Paul jetzt. Ich bin fast sicher, dass Paul weint. Vermutlich sitzt Paul in einem Großraumbüro, er würde weinen, wenn er alleine wäre. Aber so. Sende Paul Liebe und Licht. Einer muss es ja machen.
Alle Ärzte kommen aus Wagen 32 zurück. Es musste kein Leben gerettet werden. Ich meine Enttäuschung in den Augen zu sehen.
Er steht auf. Er steht schon wieder auf. Er steht häufiger auf als Kind II. Verwächst sich Hyperaktivität nicht mit den Jahren!? Und wenn nicht, warum nimmt er keine Medikamente? Es sind doch Ärzte im Zug.
In Lichtenfels gibt es Anschluss nach Breitengüßbach. Von Bamberg aber auch. Bin froh, dass ich mich nicht entscheiden muss.
Locke erzählt dem Zappler, dass er kein Selbstdiagnostiker sei, grundsätzlich aber nicht zum Arzt gehe, auch nicht nach seinem Fahrradunfall, als seine Hand ziemlich bös angeschwollen, dazu fuchtelt er mit seiner Rechten durch die Luft, eindeutig zu lange Fingernägel. Unangenehm. Man diskutiert das deutsche Gesundheitssystem aus der Sicht von Privatversicherten. Beide sind gegen den Einsatz von Maximalmedizin bei Menschen über 80.
Thank yor for travelling Deutsche Bahn. Zack, springt er wieder auf.
Kind II hat eine neue Lieblingsfrage: „Sind wir noch in Deutschland?“ „Wir bleiben in Deutschland.“ „Das kann nicht sein.“ „Doch.“ „Nein!“ „Doch.“ „Sind wir noch in Deutschland?“ „Was habe ich gesagt?“ „Sind wir noch in Deutschland?“ „Nein.“ „Hab ich mir schon gedacht. Du bist eine Lügnerin.“ „Ja.“ „Entschuldige dich.“ „Ich entschuldige mich. Es tut mir leid.“
Kann Hampelchen und Pampelchen nicht mehr folgen. Mister Apple spricht seit gefühlten 5 Stunden. Seine Körpersprache wird ausladend, es geht um mittelständische Handwerksbetriebe. Überraschenderweise ist er Werber. Solange er spricht, kann er Paul nicht quälen. Urlaubssperre für alle, heute entscheidet sich ein ziemlich großer Deal, aber Löckchen ist total entspannt. Bin zwischendurch eingenickt. Jetzt wippt er zusätzlich auch noch mit dem Oberkörper. Wippwippwippwippwipp. Es ist toll, wenn man soviel zu erzählen hat. Stockholmsyndrom. So schnell kann das gehen. Erwäge mich in Graulöckchen zu verlieben, oder wenigstens in seine Haare, es gelingt (noch nicht ganz), außerdem hat er ernstzunehmende Konkurrenz durch seinen Sitznachbarn, Träger eines smarten Bürstenschnittes und einer randlosen Brille, am Jackett könnte man noch arbeiten, aber dafür bin dann ja ich da. Im Traum erscheinen mir die fuchtelnden Hände riesengroß. Wippwippwippwippwipp. Thema jetzt die Radiologie im Allgemeinen und der Radiologe an sich, im Speziellen und wie man fachliche Informationen an den Patienten bringt, ohne ihn inhaltlich zu überfordern.
Bin geistig unflexibel. Kind I und Kind II grunzen, was niemanden wundert, bei der Mutter.
Erste glucksende Lacher, man hat eine Gemeinsamkeit entdeckt, die Herren mögen Bitterfeld nicht. Ich würde den beiden Strolchen gerne durch die Frisur wuscheln und fragen, ob sie jemals in Bitterfeld gewesen sind, bin leider zu schwach, um aufzustehen und nach wie vor aggressiv gehemmt, arbeite aber intensiv an einer Lösung des Problems. Vielleicht könnte ich sie auch kneifen. In die Wange. Mit den Fingernägeln. Ohhhh nein, er steigt aus, Locke will uns verlassen, warum jetzt schon und was bedeutet das für Paul? Zwei weitere, einsame Stunden liegen vor uns. Bin traurig.
Kind II liegt quer über den Sitzen mit den Nummern 42 und 44. Kind I setzt sich auf sie. Es kommt zu ersten gewaltsamen Exzessen.
Die befreundete Verwandtschaft versichert glaubhaft im Besitz von Nagellackentferner zu sein. Glück gehabt, kann ich da nur sagen, sonst hätte sie heute für mich noch welchen kaufen müssen.
Selbst der Zappler, mag nicht mehr aufspringen. Es ist einsam und ruhig geworden ohne das kleine Schäfchen mit den dicken Händen.
Ach ja.
Na ja.
Mannmannmannmannmann.
Der Zappler fühlt sich durch das Geräusch einer PSP gestört. Penetrant sei das. Hase, nichts ist so enervierend wie dein behindertes Rumgespringe. Sei froh, dass der Junge nicht schreit wie am Spieß, er könnte auch die ganze Zeit aufstehen und hinsetzen spielen.
Ankunft um die Mittagszeit. Die kurzen Beine sind sehr müde geworden. Jetzt singen wir uns in den Schlaf.
Früh am Morgen kreuzte eine tote Ratte meinen Weg. Das Tier sah gut aus, der Schwanz angemessen dick und fleischig, aus den Augen floß kein Blut.
Geht ja nie gut aus, wenn die Ratten aus der Erde kommen und zum Sterben auf die Straße legen.
Ich vermute einen Zusammenhang zwischen dem Tier und einer neuen suppenden Stelle im Gesicht von Kind II.
Der Eiter und ich, wir sind in dem Moment miteinander versöhnt, wenn er aufhört zu fließen. Gleichsam aufhört zu sein. Den Aggregatzustand wechselt, von flüssig zu fest. Fast liebevoll betrachtet man da schorfig-krustige Gebilde, die man nicht anfassen muss, das ginge zu weit („infektiös, infektiös“, höhnt die Stimme aus dem Hintergrund), die unter dem aufmerksamen Auge des Betrachters ständig ihre Form wechseln. Und manchmal geht ein kleiner Sekretklumpen lautlos zu Boden.
Es gibt viele Dinge und auch Menschen, die ich von ganzem Herzen verabscheue, die Älteren unter ihnen erinnern sich (gerade heute in der Frühe, das Entleeren und Reinigen eines Katzenklos, definitiv ekliger, als stinkende Kinder). Zum Beispiel Bademode und Freibäder.
Noch schlimmer, Freibäder im Sommer mit vielen Menschen.
Nun sind diese Einrichtungen traditionell ein Ort, den Väter mit ihren Kindern aufsuchen sollten. Sagen sie nichts und seien sie froh, dass es noch einige wenige Nischendomänen geben könnte, die vom Vater als solchem zu besetzen wären, was er nicht tut, weil er sie sich plötzlich vor Menschen, Bakterien, Wasser, Sonne, seiner Badehose und dergleichen Dinge mehr fürchtet (man kann nur hoffen, dass eines schönen Tages, auch die Ängste vor nicht eigenhändig zubereiteten Speisen und fremd gewaschener Wäsche hinzukommen, aber das ist Zukunftsmusik in meinen Ohren).
Nun hat das Kind per se einen Hang zu gruppendynamischen Aktivitäten und selbst Kind II überwindet, wir-sind-Weltmeister-selig, seine natürlich scheu vor kaltem Wasser und rutscht Stunde um Stunde ins feucht-fröhliche Vergnügen, aus dem man sie an den Haaren, ein ums andere mal, wieder herausziehen muss.
Nun hat der liebe Herrgott ein Einsehen gehabt und uns eine herrliche, rosa suppende und ausufernd wuchernde Infektion der linken Armbeuge beschert. Glücklich, wer den Beginn der neuen Woche nun bei Ärzten verbringen darf.
Als das Sekret am Morgen lief, fiel es mir nämlich wieder ein, schlimmer als Freibäder, sind die Praxen von Spezialisten. Dort trifft man noch mehr Menschen, als im Sommerbad. Wenigstens darf auf das Tragen von Bademoden verzichtet werden.
Wenn einem ein Kind, also zum Beispiel Kind II, mal so richtig auf die Nerven geht ("Mir ist langweilig. Mir ist langweilig. Mir ist langweilig. Mir ist heiß. Mir tut mein Bauch weh. Mir tut mein Fuß weh. Mir tut der Arm weh. Mir ist langweilig. Ich habe Hunger. Wann gibt’s Abendessen. Ich bin müde. Ich will was trinken. Was kann ich machen. Mir tut der Bauch ganz schrecklich weh. Ich blute..."), dann kann man folgendes tun: man kann drohen.
Zum Beispiel damit, es abzulecken. Drohen kann und sollte man drei bis fünfmal und dann kann's endlich losgehen: Man tritt dem Kind geschickt mit dem rechten Fuß die Beine weg (Kind I: "Blutgrätsche!!!") und fängt es im Fallen locker auf. Legt es auf den Boden, kniet sich auf die Oberarme und leckt dann das Gesicht ab.
Es gibt kaum etwas, was Kind II mehr aufregt (evtl. noch die Behauptung es gäbe Kartoffeln mit Pilz-, Zwiebel-, Knoblauch-, Kräutersoße mit Tomatenstückchen). Nie brüllte sie schönere Fluchwörter. Ganz besonders häufig die Kombination "eklig" und "Schwein".
Dann hat man Ruhe. Für 10 Minuten.
Der aller einzigste, klitzekleinste Nachteil der Hitze ist, dass Menschen, die meine Nachbarn sind, meinen, bei geöffnetem Fenster Musik hören zu müssen. Kopfhörer, meine lieben Freunde, möchte man ihnen zurufen, kauft euch welche und vor allem benutzt sie auch. Allein, wer sollte mein Rufen hören.
Manche Menschen treibt die pure Verzweiflung dazu, mich als Hüter ihrer Pflanzen und Tiere zu akquirieren. Ein- bis dreimal jährlich bin ich gerne bereit, den einen oder anderen Dienst zu übernehmen, schon alleine weil der Hilfeempfangende genötigt ist, hin und wieder Kinderbewachungsaufgaben zu übernehmen.
Die Nachbarin hat meine Fähigkeiten erkannt und beschränkt sich bei den Gießanweisungen mittlerweile auf ein: Solange Wasser rein, bis es unten wieder raus läuft.
Mensch und Tier, wir beide kommen einfach, langfristig, nicht zusammen und für diese Erkenntnis am frühen Morgen bin ich ein wenig dankbar, demütig dankbar, man vergisst ja so schnell, ich im ganz speziellen und auch besonderen.
Nennen sie mich kleingeistig, aber ich möchte keine, durch die Wohnung geträufelten, durchfalligen Tierausscheidungen entfernen müssen. Man möchte fast von einem Leben nach dem Lustprinzip sprechen.
Am Samstag, es war schon dunkel und die Sterne funkelten am Firmament, ein neongelbgrünes, degeneriertes Flügeltier dabei beobachtet, wie es mir erst in den Handrücken biss und dann durch die Hand Gottes, in diesem Fall meine Rechte, viel zu jung verstarb (merke: beißen sie mir nie unaufgefordert in die Hand). Seit gestern nun schwillt die Hand an und man kann sagen, sie wird stündlich dicker (habe mich heute Nacht allerdings auch beim Kratzen erwischt, manisch geradezu).
Nun spart der Krankenpfleger im Haus ja nicht den Zimmermann aber fast alles andere, nur heute war guter Rat teuer. Das sehe nicht gut aus, wurde meiner Hand beschieden („komisch“, war die genaue Beschreibung) und Kühlen könne nicht schaden und Beobachten. Wenn nun jemand anruft und fragt, was ich so mache, nicht, dass damit zu rechnen ist, aber man weiß ja nie, vielleicht verwählt sich jemand und erkennt nicht gleich den Irrtum. Sollte mich also jemand anrufen und fragen, wie gerade beschrieben, dann werde ich sagen: ich beobachte meine Hand. Und, soviel kann bisher festgehalten werden, meine Hand schätzt es nicht, wenn sie die ganze Zeit ansieht. Sie schwillt ab, wird klitzeklein und schrumpelig. Bis heute Abend werde ich vielleicht keine Hand mehr haben. Glück nur, dass ich nicht im deutschen Tor stehen muss.
Gerade so sehr über mein Tageshoroskop geärgert, dass ich beschlossen habe, ja beschließen musste, mich unverzüglich in der Badewanne zu ertränken. Für Menschen meiner Körpergröße, eine der leichtesten Übungen überhaupt. Noch einfacher, als vom Balkon zu springen und das wären nur zwei Schritte oder drei, vier vielleicht. Damit werde ich den Sternchen, ein ganz schönes Schnippchen schlagen.
Den ganzen Tag darüber nachgedacht, man muss ja immer vorsichtig sein mit solchen Superlativen, aber nunmehr, wo die Sonne waagerecht den Schlafraum nebst Computer auf ca. 150° C aufheizt, möchte ich sagen: Gestern sah ich die schönsten Fußnägel meines ganzen, bisherigen Lebens. Selbstverständlich wuchsen sie aus einer Frau.
Moabit entwickelt sich zunehmend und aus genau diesem Grund wohne auch ich hier, zu einer Außenstelle der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik.
In Moabit gibt es folgende Geschäfte, in genau dieser immer wiederkehrenden Reihenfolge: 2-5 Drogeriemärkte (der gemeine Moabiter wäscht sich, andere, seine Kleidung, seine Wohnung und seine Grünflächen ja ununterbrochen. Nachts legt er sich in ein Bad mit Aktivsauerstoff, dem er am Morgen rein und um Jahrzehnte verjüngt entsteigt. Ich beispielswiese bin ich bereits mindestens 91 Jahre alt, eher mehr, als weniger), ebenso viele Apotheken, ca. 3-7 psychosoziale Beratungsstellen, 1-3 Schnäppchenjägershops, Markendiscounter usw.
Jetzt ist mir auf halber Strecke abhanden gekommen, worauf ich hinaus wollte. Schließt sich die Frage an, wollte ich das überhaupt schon einmal. Wenn ich es ganz recht überlege, sehe ich gerade einer mittelschweren bis abgrundtiefen Wochenenddepression beim Wachsen zu. Monströs geradezu und unaufhaltsam. Das kann ja heiter werden.
Ach ja, gerade wo es hier heiter wird, fällt es mir wieder ein. Die Schule von Kind I und Kind II hat ein mittelschweres bis großes, Ekel erregendes Kopflausproblem. Also mich ekelt davor. Noch krabbelt nix, aber dafür juckt es mich persönlich schon einmal prophylaktisch.
Auf dem Spielplatz, hat ein Rudel Jungfliegen auf mir Platz genommen. Wir haben uns mein Eis geteilt.